Genervt und trotzdem professionell. Enttäuscht und trotzdem gefasst. Zwei Gefühle gleichzeitig, die eigentlich gar nicht zusammenpassen – und die trotzdem beide echt sind. Kennst du das? Dann bist du mittendrin in einem Forschungsfeld, das gerade erst richtig anfängt: emotionale Komplexität im Job.
Man könnte meinen, wir sind längst aufgeklärt, was Emotionen am Arbeitsplatz angeht. LinkedIn ist voll von Menschen, die offen über Scheitern und Gefühle sprechen. Turns out: ist nicht so. Selbst die Forschung dazu steckt noch in den Kinderschuhen.
In der neuen Folge des nushu Podcasts spricht Katharina mit Dr. Prisca Brosi, Associate Professor für Human Resource Management an der Kühne Logistics University in Hamburg. Sie forscht seit Jahren zu Emotionen im Unternehmenskontext, zu Leadership und Innovation.
Ihre Kernaussage: Emotionale Komplexität, also mehrere – teils widersprüchliche – Gefühle gleichzeitig zu empfinden, ist bislang kaum systematisch erforscht. Dabei betrifft sie jede Führungskraft, jedes Teammitglied, jeden Arbeitstag.
Aus ihren MBA-Vorlesungen berichtet Prisca einen spannenden Unterschied: Führungskräfte mit jahrelanger Berufserfahrung diskutieren über Emotionen im Job auf einer völlig anderen Ebene als Berufseinsteiger:innen. Diese Tiefe entsteht erst mit der Zeit – durch eigene Erfahrung und den Austausch mit anderen.
Ein zentrales Thema der Folge: toxische Positivität. Der Glaube, man müsse im Job immer positiv wirken, hilft laut Prisca niemandem.
Negative Emotionen haben handfeste Funktionen:
Wer diese Emotionen einfach wegreguliert, verliert genau diesen Nutzen. Wichtiger als "immer positiv sein" ist laut Prisca die Reflexion: Woher kommt das Gefühl? Was kann ich daraus lernen?
Die eigentliche Stärke liegt nicht darin, sich für ein Gefühl zu entscheiden, sondern beide Seiten zuzulassen. Wer emotionale Komplexität aushalten kann, ist nachweislich:
Jedoch zeigen sich in der Führung auch negative Effekte: Eine Führungskraft, die immer nur negativ reagiert, ist berechenbar. Eine Führungskraft, die Komplexität zeigen kann, wirkt auf den ersten Blick weniger vorhersehbar und kann daher auch Stress verursachen – bringt aber mehr Nuancen und Menschlichkeit in schwierige Situationen wie Kündigungsgespräche.
Prisca beschreibt vier Ansatzpunkte, um mit Emotionen im Job bewusster umzugehen:
Das Wichtigste dabei: Es gibt kein Richtig oder Falsch. Es gibt nur die Frage, was in einer konkreten Situation wirklich hilft.
Dass Emotionen im Job nicht nur ein "weiches" Thema sind, zeigt eine eigene Studie von Prisca und ihrem Team: Bei LKW-Fahrer:innen führten alltägliche Ärgernisse wie Stau oder fehlende Parkplätze zu sogenanntem Overdriving – zu starkem, aggressivem Fahrverhalten. Die Folge: höherer Benzinverbrauch.
Ein konkretes Beispiel dafür, dass emotionale Reaktionen im Job direkte wirtschaftliche Auswirkungen haben können – weit über das individuelle Wohlbefinden hinaus.
Weitere spannende Erkenntnisse hörst du in der Folge
Mehr zu Dr. Prisca Brosi und der Kühne Logistics University:
🔗 KLU MBA in Leadership & Supply Chain Management
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