Corona: Eine Krise der Frauen

Corona: Eine Krise der Frauen

Geschrieben von nushu crew am 2. Juli 2020

 

Die Corona-Krise droht, die hart erkämpften Erfolge für Frauenrechte zu schwächen. Bettina Metz, Geschäftsführerin von UN Women Deutschland, erklärt warum. Und sie gibt Hoffnung: UN Women setzt sich weltweit unermüdlich für die Rechte und die Chancengleichheit von Frauen und Mädchen ein – auch in der Corona-Krise.

Auf eurer Homepage heißt es „Corona: Eine Krise der Frauen“. Warum?

Krisen verstärken alle Ungleichheiten. Dies trifft auch auf die durch COVID-19 ausgelöste Krise zu. Frauen und Mädchen zählen in allen Gesellschaften zu benachteiligten Gruppen und diese sind von der Pandemie und ihren Folgen besonders hart betroffen. Dies führt zu unmittelbaren gesundheitlichen, wie auch zu längerfristigen ökonomischen Folgen. Zudem sind Krisenzeiten für Frauen besonders gefährlich, da sie kaum vor häuslicher und sexualisierter Gewalt geschützt sind. Die Corona-Krise wirkt wie ein Brennglas für den Zustand der Geschlechtergerechtigkeit.

Bettina Metz UN Women

Warum gesundheitliche Folgen? Es sind doch vor allem Männer, die einen schweren Krankheitsverlauf erleiden.

Im Vordergrund sind Männer besonders stark von dem Corona-Virus betroffen, das direkte Gesundheitsrisiko ist für sie ist größer. Doch im Hintergrund gefährdet das Virus die Sicherstellung von spezifischen gesundheitlichen Bedürfnissen von Frauen. Das trifft besonders auf ärmere Weltregionen zu. Wenn Gesundheitssysteme überlastet sind und Ressourcen umverteilt werden, um auf die Pandemie zu reagieren, können Angebote für sexuelle und reproduktive Gesundheit wegfallen. UN Women warnt daher vor einem Anstieg der Mütter- und Kindersterblichkeitsrate. Es kann außerdem vorkommen, dass sich Frauen wegen Verdienstausfällen keine Verhütungsmittel mehr leisten können. Die Corona-Krise könnte UN-Schätzungen zufolge so zu 7 Millionen ungewollten Schwangerschaften führen. Und auch der Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung droht ins Stocken zu geraten, was schätzungsweise 2 Millionen zusätzliche Fälle bedeuten kann.

Es wird zurzeit ja viel von „Systemrelevanz“ gesprochen. Was hat das mit Gleichstellung zu tun?

Die Heldinnen der Krise, die das System in diesen schweren Zeiten am Laufen halten – z. B. im Verkauf an der Supermarktkasse, bei der Erziehung in der Notbetreuung oder die Pflegekraft – sind zu 75 Prozent Frauen. Die Erkenntnis über die Wichtigkeit ihrer Arbeit steht jedoch im Gegensatz zu ihrer niedrigen Bezahlung. Außerdem leisteten Frauen weltweit schon vor der Krise fast dreimal so viel unbezahlte Haus- und Sorgearbeit als Männer. Der „Gender Care Gap“ des BMFSFJ zeigte zuletzt, dass 34-jährige Frauen auch in Deutschland mehr als doppelt so viel Sorgearbeit leisten als gleichaltrige Männer. Wenn Schulen und Kitas schließen, sind es vor allem Frauen, die ihre bezahlte Arbeit für die Kinderbetreuung aufgeben. So hat die Krise eine Verstärkung der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung im Haushalt zur Folge. Kurz gesagt: Die Corona-Krise legt die Unerlässlichkeit von Sorgearbeit offen, aber auch ihre ungleiche Verteilung und geringe Wertschätzung.

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© UN Women/Ploy Phutpheng

Muss man damit rechnen, dass Frauen deshalb wirtschaftliche Nachteile durch die Krise bekommen?

Definitiv. Wenn Frauen jetzt ihre Erwerbstätigkeit aufgeben, um Sorgearbeit zu übernehmen, kann das schwere finanzielle Einschnitte und eine größere Abhängigkeit vom Partner bedeuten. Weltweit arbeiten Frauen außerdem zu einem großen Teil in prekären, das heißt informellen, unsicheren oder schlecht bezahlten Beschäftigungsverhältnissen. Sie sind häufig nicht krankenversichert, haben keinen rechtlichen Schutz und keinen Anspruch auf Sozialleistungen. Einen Verdienstausfall können sie nur schwer oder gar nicht abfedern. Auch in Deutschland sind zwei Drittel der geringfügig Beschäftigten Frauen. Für sie greift das Kurzarbeitergeld nicht, es besteht kein Anspruch auf Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung. Dazu kommt, dass Frauen in Deutschland stärker von Arbeitsplatzverlusten betroffen sind als Männer, da sie überdurchschnittlich in besonders betroffenen Wirtschafszweigen wie Gastgewerbe, Kunst, Kultur und Unterhaltung arbeiten – häufig geringfügig beschäftigt. Nach Krisen brauchen Frauen meist länger als Männer, um in die Erwerbstätigkeit zurück zu finden.

Redet UN Women deshalb von der „Schattenpandemie“?

Mit „Schattenpandemie“ bezieht sich UN Women auf den Anstieg der Gewalt gegen Frauen, der zu beobachten ist. In einer Reihe von Ländern sind Meldungen über häusliche Gewalt um mehr als 25 Prozent angestiegen. Diese Zahlen dürften jedoch nur die schlimmsten Fälle widerspiegeln, da im Schnitt weniger als 40 Prozent der Frauen, die Gewalt erlebten, Hilfe suchen. Das lässt sich auch in Deutschland beobachten. Eine repräsentative Studie der Technischen Universität München kommt zu dem Ergebnis, dass 3 Prozent der Frauen in Deutschland in der Zeit der strengen Kontaktbeschränkungen im April Opfer von körperlicher Gewalt wurden, 3,6 Prozent wurden vergewaltigt, und 3,8 Prozent fühlten sich bedroht. Nur ein sehr kleiner Teil der betroffenen Frauen nutzte Hilfsangebote.

Was treibt diese Pandemie der Gewalt gegen Frauen an?

In der Zeit der strengen Kontaktbeschränkungen verbringen Familien den ganzen Tag zusammen zu Hause, finanzielle Sorgen zehren an den Nerven, die Kinder sind nicht ausgelastet, weil sie nicht raus dürfen. Das führt zu Frust, zu Spannungen, zu Aggressionen und irgendwann zu Gewalt. Dazu kommt, dass Frauen dem gewalttätigen Familienmitglied zu Hause nun stärker ausgeliefert sind, da sie sich weniger draußen oder auf der Arbeit aufhalten können. Das spiegelt sich auch in der Studie der TU München wider: Waren die Frauen in Quarantäne oder hatten die Familien finanzielle Sorgen, lagen die Zahlen deutlich höher. Auch außerhalb der eigenen vier Wände sind Frauen auf menschenleeren Straßen nun schlechter vor geschlechtsspezifischer Gewalt geschützt sind. Dazu kommt, dass Schutzräume für von Gewalt betroffenen Frauen sowie psychologische und medizinische Versorgung unter Umständen eingeschränkt werden.

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© UN Women/Ploy Phutpheng

Was kann man tun, wenn man Gewalt beobachtet oder selbst davon betroffen ist?

Eine wichtige Adresse ist das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen. Hier findet man Beratung per Telefon, Chat und E-Mail. Auch für Bekannte und Nachbarschaft ist es jetzt wichtig, wachsam zu sein und Warnsignale ernst zu nehmen. Man sollte Betroffene wissen lassen, dass sie nicht allein sind und Unterstützung bekommen können. Weitere Tipps gibt es beim BMFSFJ – dort kann man auch ein Infoposter gegen häusliche Gewalt ausdrucken und aufhängen, zum Beispiel im Hausflur oder im Supermarkt. 

Und was tut UN Women, um Frauen in der Krise zu helfen?

Alles, was UN Women seit jeher fordert, wird in der Corona-Krise dringlicher. Wir unterstützen Frauen auf ganz unterschiedliche Weise. So setzen wir uns zum Beispiel für flexible Arbeitszeiten, mehr Schutzräume für Betroffene von häuslicher Gewalt und Schutzausrüstungen für Frauen in medizinischen Berufen ein. Eine wichtige Forderung von UN Women ist außerdem die gleichberechtigte Beteiligung von Frauen an der Entscheidungsfindung zu Maßnahmen gegen COVID-19, damit die speziellen Bedürfnisse von Frauen und Mädchen überhaupt erst gehört werden. UN Women sorgt dafür, dass Frauen weiterhin Zugang zu Hygieneprodukten und Gesundheitsversorgung haben und unterstützt Frauen wirtschaftlich. Auch die Erhebung von geschlechtsspezifischen Daten zu den Folgen der Krise ist eine wichtige Aufgabe von UN Women, mit der wir darauf aufmerksam machen können, dass Frauen besonders von der Krise betroffen sind. Um dieser Arbeit nachgehen zu können, sind wir auf Unterstützung angewiesen. Auch ihr könnt uns hier helfen! 

Lieben Dank, Bettina!

Du willst mehr über die geschlechtsspezifischen Auswirkungen der Corona-Krise und die Arbeit von UN Women wissen? Hier und hier findest du mehr Infos! Du willst über die Arbeit von UN Women Deutschland auf dem Laufenden bleiben? Folge ihnen auf Instagram, Twitter oder Facebook

 

Topics: nushu talks

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